Kennen Sie Vint Cerf?
Vielleicht nicht.
Google bezeichnete ihn damals als seinen Chief Internet Evangelist. Noch wichtiger: Cerf gehört zu den Menschen, die maßgeblich an den technischen Grundlagen des Internets beteiligt waren.
2013 sprach er bei einem Workshop der US-Handelsbehörde FTC über das Internet der Dinge.
Auf die alte Behauptung „Privatsphäre ist tot, gewöhnt euch daran“ antwortete er differenzierter, als es die spätere Schlagzeile vermuten lässt.
Er sagte nicht einfach, Privatsphäre sei überflüssig.
Er sagte:
“Privacy may actually be an anomaly.”
Privatsphäre könnte möglicherweise eine historische Ausnahme sein.
Moment mal.
Das Dorf hatte keine Datenbank
Cerf erklärte seinen Gedanken mit einer persönlichen Erinnerung.
1962 lebte er in einer kleinen deutschen Stadt mit rund 3.000 Einwohnern. Der Postmeister bekam viel mit, weil Briefe und Telefongespräche über seine Hände liefen. In so einer kleinen Gemeinschaft wusste ohnehin fast jeder etwas über jeden.
Erst große Städte hätten jene Anonymität entstehen lassen, die wir heute teilweise mit Privatsphäre verbinden.
Das ist ein interessanter Gedanke.
Aber etwas fehlt.
Der Nachbar konnte sehen, wann Sie nach Hause kamen.
Er verband diese Beobachtung aber nicht automatisch mit Ihren Einkäufen, Suchanfragen, Kontakten, Bewegungsdaten, Geräten und den letzten zwanzig Jahren Ihres Lebens.
Er konnte sich Dinge merken. Menschen führen seit jeher Listen und Archive.
Nur ist das noch nicht dasselbe wie eine technisch durchsuchbare Sammlung, die in Sekunden kopiert, zusammengeführt und ausgewertet werden kann.
Der Unterschied liegt nicht nur darin, wer etwas weiß. Entscheidend ist, was gespeichert, verbunden und daraus berechnet werden kann.
Cerf hatte mit einem Punkt recht: Privatsphäre war nie überall gleich und niemals vollkommen.
Aber auch unsere heutige Datenerfassung ist keine Rückkehr ins alte Dorf.
Sie ist etwas Eigenes.
Deine Daten. // Deine Entscheidung.
Die Frage lautet nicht:
„Hatten unsere Vorfahren Privatsphäre?“
Sondern:
„Welche Privatsphäre brauchen Menschen in einer Welt, die kaum etwas vergisst?“
Ein einzelner Mensch mit einer Beobachtung ist das eine.
Viele dauerhaft gespeicherte Datenpunkte, die Systeme zu einem Profil verbinden, sind etwas anderes.
Genau diesen Unterschied sollten wir nicht kleinreden.
Quellen
- Federal Trade Commission, 19. November 2013: Internet of Things Workshop – vollständiges Transkript
- Stanford Center for Internet and Society, 22. November 2013: Vint Cerf is Wrong. Privacy Is Not An Anomaly
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